Kammerflimmer Kollektief (D)

Mittwoch, 24. Februar 2010, ab 21.00 Uhr


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Jörg Sundermeier, Gründer des Berliner Verbrecher Verlags und Autor für die Junge Welt, Jungle World, taz, Spex, Freitag, De:bug, Berliner Zeitung und andere, hat anlässlich des neuen Albums ‚Wildling’ vom Kammerflimmer Kollektief selbiges beschrieben und damit gleichzeitig und vermutlich unwissend eine perfekte Ankündigung des Konzerts verfasst, die wir hier im Wortlaut wiedergeben möchten:

"Hippiegeschmeiß", zischelt der punkgebliebene Bankangestellte zu meiner Rechten, als er das Kammerflimmer Kollektief spielen sieht. Er sagt dies, weil er nicht versteht. Er versteht leider nichts. Denn er sieht sie spielen, aber er hört nicht.

Reicht das Wort "spielen"? Vielleicht performen die Bandmitglieder ja sogar. Ich bin mir nicht sicher. Die Inszenierung ist authentisch, ist jedoch immer eine Inszenierung. Leute sind zu sehen, Seelen sind zu hören, aber niemand macht sich sinnlos nackig. Niemand macht sich lächerlich. Niemand macht den Trauerklops. Niemand macht sich frei. Drei Leute machen Musik.

Heike Aumüller sitzt auf dem Boden, musizierend, singend, in einem Englisch, das sich nur den Hörenden erschließen kann, denn die Sehenden, die also, die Musik sehen wollen, sehen nichts. Und fühlen nichts. Johannes Frisch steigt in den Standbass, wie es so nur Kate Bush getan hat, doch hat Kate Bush nicht gespielt, Frisch aber spielt und windet sich dabei ums Instrument herum, 1:0 für den in Ehren ergrauten Jazzer. Thomas Weber wiederum sitzt, die Gitarre umgespannt, gekrümmt auch er um sie, und während die eine Hand manchmal die Elektronika bedient, die zugeschaltet wird, lässt sich die andere von der Gitarre spielen und reißt die eine immer wieder mit, so einfach ist das. Man muss nur hören wollen, und nicht nur sehen.

Wer sehen kann, sieht die Kunst von Heike Aumüller auf dem Cover, und was er sieht ist verletzlich und stark zugleich. Jede und jeder, der und die einmal einen Bruce-Willis- Actionfilm gesehen hat, kennt den Satz, den Willis, plötzlich mehr als nur Muskeln und Lächeln, zum obligatorischen Kind sagt (oder zur Frau, in diesen Filmen fast das gleiche, weil: nur zum Retten da): "Klar habe ich Angst."

Wir lernen: wer sich angreifbar macht, wird stark. Das Kammerflimmer Kollektief macht sich stark, hatte sich schon stark gemacht, als das Kollektiv noch keines war, als es sich erst fand, und zur Band verschmolz, wurde als Band stärker. Und angreifbarer. War die Musik schon vorher schön, so wurde die Schönheit nun wuchtig, und Dietmar Dath spricht die Wahrheit, wenn er anrät die Platte laut zu hören – sie hat dann noch mehr Tiefe.

Das Kammerflimmer Kollektief ist gefühlig und pathetisch, aber dabei so klar, wie jene Stimmungen klar sind, die Robert Musil, der der Romantik völlig unverdächtig ist, die "taghelle Mystik" nannte. Die Texte und die Musik wollen gehört werden, ausgespürt, ertastet, durchlitten, der Sound baut Songs, die aus Sound gebaut sind, Songs, die aber keine Lieder mehr sind.

"Wildling" ist die bislang stärkste und verletzlichste Platte dieses Trios, das ein Einziges ist, ein Solipsist, der irgendwo zwischen Jazz, Krautrock, Pop und Hölle allein vor sich hinschwebt, sein eigener Himmel. Ein irdischer Himmel, in dem wir wohnen dürfen. Wenn wir nur hören können, mit unseren Ohren und unserem Kopf.