ZUM GELEIT

Liebe Freundinnen und Freunde der Manufaktur,

es ist schon unangenehm, wenn man, wie wir, eher wenig Vertrauen in die Menschheit hat. Dass es Klimaaktivist*innen, Schüler*innen vor allem, aber auch allerlei andere Gruppen, die schon lange an diesem zentralen Thema unserer Zeit arbeiten, im letzten Jahr geschafft haben, viele Leute aufzurütteln und die große Politik unter Zugzwang zu setzen (oder zumindest ihre PR- und Krisenberater in hektische Aktivität zu stürzen), das gehört zu den wenigen hoffnungsfroh stimmenden politischen Entwicklungen der letzten Jahre. Eigentlich könnte man auch denken, dass solche Einsichten dazu beitragen können, jene Leute zur Vernunft zu bringen, die ihr Heil (damit haben sie’s ja) bei rechtsradikalen Parteien suchen, bei den Autoritären, Neofaschisten und Rassisten, die gerne hätten, dass man sie Populisten nennt. Denn dass die Abwehr einer so umfassenden Bedrohung wie des Klimawandels ein solidarischeres Verhalten der Menschen untereinander voraussetzt, eine Abkehr vom Primat der Kapitalakkumulation und auch mehr globale Gerechtigkeit, und dass die seit Jahrzehnten vor dieser Entwicklung warnende Umwelt- und Klimabewegung und die Wachstumsskeptiker und Antikapitalisten einen Punkt haben, das könnte ja irgendwie einleuchten. Aber Pustekuchen: Zum einen leben die besorgten Bürgers ja eh in ihrer medialen Parallelgesellschaft von Verschwörungstheorien und alternativen Fakten, in der der Klimawandel von Helene Fischer, George Soros und der kommunistischen UNO erfunden wurde, um Deutschland abzuschaffen, den vorauseilenden Großen Austausch des deutschen Waldes durch nahöstliche Oasenflora voranzutreiben und außerdem die Meisterschaft oder den Wiederaufstieg ihres Lieblingsfußballvereins zu verhindern, und die Wiedereinführung von Raider statt Twix, oder was auch immer. Zum anderen führen ein sozialdarwinistisches und völkisch-standortnationalistisches Weltbild, geschürt von der allgegenwärtigen Konkurrenzlogik dazu, die Effekte des Klimawandels, wenn man sie schon nicht leugnen kann, in so eine Art postapokalyptische Mad-Max-Szenario zu übertragen, wo jedes „Volk“ sich den Weg zu den verbleibenden Ressourcen freiballern soll. (Eine Sicht, die sich leider nicht nur bei der AfD findet). Also: Wenig Hoffnung auf Einsicht und Besserung, an dieser Front. Dazu kommt ja die auch in Schorndorf zu beobachtende, tief verinnerlichte Opferrhetorik der radikalen Rechten, die deren Affekthaushalt ganz grundlegend zu prägen scheint. Sie sind ja so anständig, aber die anderen sind immer so gemein! Wäwäwä (das schreiben wir jetzt statt „mimimi“, weil „mimimi“-Sagen ist auch irgendwie bescheuert und führt auf lange Sicht zum Compact-Lesen, toxischer Männlichkeit und allerlei anderen Pathologien). Besonders putzig ist die weit verbreitete Logik „Ich bin ein Opfer, weil die bösen Gutmenschen mich dazu bringen wollen, mich zu schämen.“ Um mal den Bereich zu wechseln und nicht nur von AfDlern im engeren Sinne zu reden: Diese Logik goes a little something like this. Ich habe ein fettes SUV. (Vielleicht habe ich selber auch gar keins, aber ich hätte gerne eins). Ist schon ein geiles Gefühl und gleichzeitig total familienkompatibel. Jetzt weisen mir diese Ökofuzzis nach, dass das in Sachen CO2-Ausstoß ein Unding ist und obendrein in allerlei anderer Hinsicht schädlich und ein Symptom von Ellbogenmentalität, Dicktuerei und Rücksichtslosigkeit. Was jetzt nicht so schmeichelhaft klingt, aber auch nicht so unrealistisch. Was mache ich dann? Na, ich tu mir selber leid, natürlich, weil die sagen, dass ich da nicht so schlau und vorausschauend und solidarisch handle und ein paar wenig vorteilhafte Prioritäten zur Schau stelle. Empörend. Denn: In mir das Gefühl auszulösen, dass ich mich schämen soll, ist ja wohl auch eine Form von Gewalt. Die schlimmste eigentlich! Gegen diese Gewalt wird man sich doch noch wehren dürfen!

Sorry, aber da auf Einsicht zu hoffen, ist doch sehr optimistisch. Ob’s um SUVs geht oder andere moralisch fragwürdige Leidenschaften. Und falls jetzt jemand sagt, dass das total kontraproduktive Aussagen sind, weil man ja um die Stimmen der AfD-Wähler*innen, die eigentlich nur protestieren wollen und zu denen auch unterprivilegierte Leute zählen, die von den anderen Parteien zurecht enttäuscht sind, kämpfen muss und dass auch nicht jede*r SUV-Fahrer*in ein*e verkappte Rechte*r ist und Grün-Wähler*innen viel CO2 verbrauchen und dass derart aggressive Küchenpsychologie alles nur noch schlimmer macht und total von oben herab kommt: Ja, ok. Stimmt vermutlich irgendwie auch. Aber wir schlagen als Motto für die nächste Zeit trotzdem vor: Auf die Opferrhetorik nicht reinfallen, sondern lieber weniger Rücksicht auf Rechte nehmen.

Viel Spaß mit unserem Oktober-Programm wünscht jedenfalls

Eure

Manufaktur