Zum Geleit

Liebe Freundinnen und Freunde der Manufaktur,

manchmal gibt es sowas wie die Band der Stunde, auf die sich die unterschiedlichsten musikinteressierten Leute einigen können. Das mit der Stunde kann sich dann auch mal über ein paar Jahre oder so erstrecken. Umso schöner, wenn diese Band dann auch noch den Weg nach Schorndorf findet – wie jetzt Idles aus Bristol, diese wahnsinnig druckvolle und klischeeaverse Gitarrenrockband, die steif und fest behauptet, keine Post-Punk-Band zu sein, warum auch immer.

Was uns dazu bringt, Idles als Band der Stunde zu titulieren? Normalerweise breiten wir solche Dinge ja nicht in aller Öffentlichkeit aus, aber es sind erstmal einfach „hard facts“: Ein Konzert, das so schnell ausverkauft war, haben wir in der Manufakturgeschichte selten erlebt. Wirklich selten. Eigentlich gar nicht. Was ja doch erstaunlich ist, da wir immer wieder auch Bands mit einem höheren unterstellten Bekanntheitsgrad und mehr verkauften Tonträgern, Downloads, Streamingzahlen oder was auch immer zu Gast haben, die nicht sofort derartig „ziehen“.

Also, was macht Idles zur Band der Stunde? Ihr werdet’s rausfinden, am 13. April (ok, vielleicht hat beim Vorverkauf auch geholfen, dass es ein Samstagskonzert ist…). Alle haben da ja ihre eigenen Zugänge, klar. Unsere Theorie geht in etwa so: Abgesehen davon, dass Idles – wie wir aus eigener Erfahrung bezeugen können – eine großartige Liveband sind (Haus abreißen und so), geben sie uns Freund*innen der unzufriedenen, gegen den ganzen Scheiß da draußen und da drinnen anrennenden Gitarrenmusik in diesem seltsamen historischen Moment sozusagen alles auf einmal: So gut wie kaum jemand sonst performen sie die Dringlichkeit, den Ärger, das Nicht-zuhause-in-dieser-Welt-sein-Wollen aus der Punk-Hardcore-Welt. Sie rennen an gegen die Rechten, die Nationalisten, die Ausbeutung, die Welle des Schwachsinns, mit aller Vehemenz. Gleichzeitig dreht sich ihr ganzer Act – in den Texten und irgendwie wohl auch musikalisch – darum, dass die Art und Weise, wie die eigene Oppositionalität in dieser Tradition üblicherweise ausagiert wird – als maskulin-maskulinistische Rebellion – ihrerseits eine ganze Menge von Schwierigkeiten mit sich bringt, um es milde zu formulieren: Oft genug landen wir von der Rockmusikrebellion aus nur wieder beim nostalgischen Traditionalismus (vor dem Neoliberalismus war alles gut, da wussten noch alle, wo sie hingehören, oder so) und vor allem bei den immergleichen gegenkulturellen Männerbünden, beim Ausschluss von Frauen und Queeren und dem, was in einem selbst, wer auch immer das ist, für weiblich und queer gehalten wird, also bei der ganzen blöden Mackerigkeit und bei den vielen Spielarten dessen, was als „toxische Maskulinität“ kritisiert wird, in auch nicht immer ganz klischeefreier Weise. Dagegen nölt und rezitiert und singt und schreit Joe Talbot nicht weniger an als gegen die „Feinde da draußen“, die Brexiteers und Sparpolitikapologeten und Neonationalisten und so weiter. Und irgendwie tut er und tun Idles das in einer Weise, die es uns möglich zu machen scheint, alles auf einmal zu haben: den Ärger, die Rebellion, die Reflexion, die Affirmation und die (Selbst-)Kritik. Das muss man auch erstmal hinkriegen.

Die „Bild“ titelte zu Fasching ja: „Erste Kita verbietet Indianer-Kostüme – damit sich niemand diskriminiert fühlt – dafür sollen Kinder als Meerjung-Männer oder Senftuben gehen“. Die politische Korrektheit dreht jetzt völlig durch, so die Botschaft, die Linken sind doch alle crazy. Wer mit dieser Welt unzufrieden ist, aber sich die Verkleidung und den Humor und das eigene So-drauf-sein-wie-man-halt-drauf-ist nicht verbieten lassen will, so die zugegebenermaßen ziemlich wirkungsvolle Logik der Bild und der rechten Populisten, der soll auf Minderheiten aller Art nicht so viel Rücksicht nehmen und es sich bei den Rechten bequem machen, wo man ja auch irgendwie rebellieren kann. Darauf reagieren manche von uns, indem sie sagen, wir als Linke sollten uns nicht so weit vom gesunden Volksempfinden entfernen: Indianer spielen, Blackface auftragen, Witze über Transpersonen machen: alles halb so wild. Mit den Idles können wir dagegen intuitiv sagen: Wieso eigentlich – das Leben als Meerjung-Mann und Senftube hat doch einiges für sich und die bessere Musik ist sowieso weiterhin auf unserer Seite!

Eure

 

Manufaktur