ZUM GELEIT

Liebe Freundinnen und Freunde der Manufaktur,

es mag euch überraschen, aber auch wir gehen mit der Zeit. Was auch immer das ist, die Zeit – jedenfalls nicht dieses Wochenblättchen für angebliche Bildungsbürger, in dem gefühlt jeder dritte Artikel davon handelt, dass es eine totale Zumutung ist, nicht mehr daherreden zu dürfen, wie einem der rassistische Schnabel gewachsen ist. Sorry, dass wir diese Wörter hier erwähnen, aber es ist unseres Erachtens ganz sinnvoll, gelegentlich daran zu erinnern, um was für hässliche Wörter es hier eigentlich geht, weil die vagen Andeutungen das oft viel harmloser aussehen lassen als es tatsächlich ist: Also, nicht mehr Zigeunerschnitzel, Negerkuss oder Judenfürzle sagen zu sollen (die Soziologin Cornelia Koppetsch bezeichnet das als „Zivilisierungsschub“), das ist anscheinend einfach zu viel verlangt für Die Zeit. Aber, wir schweifen ab.

Nein, wir gehen mit der Zeit (mit kleinem „d“), weil wir unser Programm vom fehlerträchtigen menschlichen Faktor reinigen: Wir gestalten es jetzt auf solider empirischer Datenbasis. Wir dachten, dass man am Ende einer Dekade auch mal radikale Schritte gehen kann. Also, Soziokultur 4.0, wie die Eingeweihten sagen. Mit unserem neuen Programmalgorithmus können wir nun die Geschmacksvorlieben und die Geldausgebebereitschaft unserer Gäste in optimierter Weise bedienen. So wissen wir besser, was ihr wollt, als ihr das selber wisst. Unser hausinternes Startup „Schorndorf Analytica“ hat nicht nur das Manufaktur-Archiv und die zugehörigen Ticketing-Daten ausgewertet, es hat Cookies platziert, Likes auf allen Social-Media-Plattformen zwischen Echterdingen und Palo Alto gecrawlt und sich in alle relevanten Musik-Streamingplattformen geschmuggelt, wo wir Rhythmuspräferenzen, Album-Durchhör-Quoten und öffentlich geteilte Playlists ausgewertet haben. Und das auf 100% Solarstrom-Basis! So wissen wir jetzt so ziemlich alles über euch und uns. Zum Beispiel, dass wir andere Sachen in der „Private Session“ hören als in veröffentlichten Playlists! Um nur beim Offensichtlichsten anzufangen. Auch das Politik- und Veranstaltungsprogramm der Manufaktur hat jetzt eine ganz neue empirische Grundlage. In den nächsten Monaten werdet ihr erleben, dass wir es nicht nach irgendwelchen ideologischen Grundsätzen, sondern im Sinn eurer unbewussten Sehnsüchte zusammenstellen. Wenn ihr euch darin nicht wiedererkennt – tja, die sind eben unbewusst, diese Sehnsüchte. Beschwert euch beim Algorithmus bzw. eurem Über-Ich, denn der Algorithmus überbringt nur die Botschaft, schmeichelhaft oder nicht.

Früher kursierte, wenn es um sogenannte Indie-Musik ging, gelegentlich das Wort „Geschmackspolizei“. Weil manche Leute meinten, in Geschmacksfragen besondere Durchsetzungsbefugnisse zu haben, vermeintlich „guten“ Geschmack vorschreiben und Verbote gegen vermeintlich „schlechte“ Musik, Klamotten und so weiter durchsetzen zu können. Ähem. Aber Geschmackspolizei isch over. Der Schorndorf-Analytica-Algorithmus geht jetzt eher in Richtung „Predictive Policing“: Das Manufaktur-Programm stellt das vor, von dem wir noch gar nicht wissen, dass wir es gut finden werden. Wir platzieren personalisierte Werbung für Veranstaltungen, die ihr in zwei Jahren wichtig gefunden haben werdet. Ob bei absehbarem Nichterscheinen vielleicht doch präventive Strafen durchgesetzt werden, bzw. wie wir dafür mit den Behörden zusammenarbeiten können, das ist noch nicht ausgemacht. Die Ticketpreise werden wir auch noch personalisieren bzw. an errechnete Kaufkraft, Zeitpunkt der Buchung und Sympathiefaktor anpassen. Jedenfalls: Wenn ihr euch die Zahl der für die nächsten Monate schon ausverkauften Acts anschaut (Majan!!!), dann seht ihr, was wir mit mit der Macht unseres postideologischen Programmalgorithmus meinen!

Eure

Manufaktur