PeterLicht (D)

Donnerstag, 09. Oktober 2008, ab 21 Uhr


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Melancholiker sitzen in der ikonografischen Tradition gerne auf Steinen, am Wegesrand, den gedankenschweren  Kopf in die Hand gestützt, und sinnieren dem Weltlauf hinterher. Etwas ist vorbei, doch was? Was ist bloß passiert, und wann? Dieser Bestandsaufnahme eines Verlustes, die dort in einsamer Denkerpose auf dem Stein, am Wegesrand geschieht, wird zu einem späteren Zeitpunkt womöglich Ausdruck verliehen, gegen die eigene Handlungsgehemmtheit, gegen das Wissen um das große Umsonst. Noch bei Freud galt die Melancholie als Krankheitsbild, als psychopathologischer Zustand; inzwischen hat sie sich längst zum Erkennungsmerkmal eines bestimmten Künstlertypus gemausert, der irgendwo zwischen Abgeklärtheit, Schwermut und Geistesblitz mit den verbliebenen Resten wuchert. PeterLicht, bisher eher als Ironiker denn als Melancholiker bekannt, gibt dieser Entwicklung mit seinem vierten Album «Melancholie und Gesellschaft» nun einen weiteren und durchaus freundlichen Dreh: Fortan darf man sich den Melancholiker als glücklichen Menschen vorstellen. Zu Vorstellungen und Projektionen verschiedenster Couleur lud die Kunstfigur PeterLicht seit ihren Anfängen ein. Durch die konsequente Verweigerung, dem Musiker auch ein Gesicht zuzuordnen, konnte der Status der Kunstfigur aufrechterhalten werden, die mit heller, klarer Stimme wie aus einem abstrakten Raum zu uns sprach und dabei doch spürbar Zeitgenosse war. Eine große Freiheit des poetischen Zugriffs war die Folge. Kippfiguren zwischen Oberfläche und Tiefgang, Slogans aus dem entfremdeten Leben wurden mit einer Leichtigkeit gesungen, die tröstete, ohne Identifikation anzubieten. Selbst in seinen Texten folgte PeterLicht dem Prinzip einer humorvollen Zerstreuung und anarchischen Wendigkeit, innerhalb derer kein Gedanke und keine Beobachtung davor sicher waren, ausgetestet und angerissen, ironisiert oder poetisiert zu werden. Ob nun mit fragmentierter Systemkritik, versprengten Utopieresten oder launigen Gebäudebeschimpfungen, der Wortkünstler PeterLicht sprang zwischen großer Geste, subversiver Zeitdiagnostik und schillerndem Detail hin und her, um Befindlichkeiten und Ängste zu konstatieren, ohne gravitätische Repräsentationsmodelle zu bedienen. Auf «Melancholie und Gesellschaft» nun meldet sich der Mensch hinter PeterLicht stärker als bisher zu Wort. Der da bisher so leichtfüßig tänzelte, scheint sich jetzt auf einen der Steine am Wegesrand gesetzt zu haben, um durchzuatmen und eine Art persönliches Zwischenresümee zu ziehen. Ein freundlicher Melancholiker gewinnt an Konturen, ernsthafter und sehnsüchtiger als zuvor. Stimmungen des Abschieds durchziehen die zehn Lieder. So manches ist abhanden gekommen, es werden Koffer gepackt, Beziehungen beendet, die eigenen Wände sind einem fremd geworden. «Diese alte Liebe / dieser neue Tag / ein letzter Blick ein letzter Rest von letzter Luft»: Bestandsaufnahme im Moment des Verschwindens. Die Frage, wo «alle unsere Leute hin sind», stellt sich gleich in zwei Liedern. Wo sind sie hin, die Weggefährten? Schon wieder: irgendwie abhanden gekommen, unterwegs im täglichen «Marketing», im Klein-Klein der Quittungen, Selbstpositionierungen und Arbeitsmärkte: «der Raum ist voll / doch keiner ist da». Andere Räume werden aufgespannt. Die Sehnsucht nach einem «Weit-und-weiter-weg», nach Fluchtpunkten am Horizont, nach fernen Orten in Zweisamkeit wird spürbar. Die Weite der Natur lockt den tendenziell beschädigten Städter in einfachen Bildern von Sternen, Meer, Wind und Land zum Aufbruch. Er wird nicht aufbrechen, doch reicht das bloße Phantasma, die Möglichkeit des Utopischen, um die Melancholie ins Positive zu wenden. Kein Hauch von Resignation, nein, der Sprachspieltrieb und die Ideenflut setzen wieder ein, und der freundliche Melancholiker kann in der Nachfolge seines Generationssongs «Ihr lieben 68er» mit der ihm eigenen Nonchalance den Terror der  Kommerzialisierung befreiter Körper anprangern («Stilberatung / Restsexualität»). Bisher vor allem in Sachen Ironie und Fragmentpoetik ein schwereloser Nachkomme der deutschen Romantik, hat sich PeterLicht nun auch in musikalischer Hinsicht weiter dem Kunstlied angenähert. Das NDW-Erbe und die Dada-Camouflage sind nahezu vollständig abgelegt, entschlackte Arrangements mit Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Streichern verleihen dem Album eine einheitliche Unmittelbarkeit. Auch hier die Bewegung von Zerstreuung zu größerer Präsenz, von schlauer Bricolage hin zu elegischer Schönheit. Die zahlreichen Live-Auftritte mit Band mögen den Musiker hierbei inspiriert haben. Manches mag verschwunden und der Sommer vorbei sein – aber, und das singt PeterLicht auf diesem zugleich schwermütigen und weltbejahenden Album so emphatisch wie derzeit kein zweiter: «Der Traum geht weiter». Vieles ist abhanden gekommen, aber nichts ist verloren. Wir träumen von der Freiheit jenseits der Freiheit. Man muss sich den Melancholiker als glücklichen Menschen vorstellen.