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Zum Geleit


Liebe Freundinnen und Freunde der Manufaktur,

zu den unangenehmeren Formen passiver mentaler Aggressivität gehört die Dankbarkeitserwartung. Sie ist die subtile Seite des psychologischen Terrors. Mit der Dankbarkeitserwartung verankert sich die repressive gesellschaftliche Moral, der zufolge jede und jeder doch bitte auf dem ihnen zugewiesenen Platz verbleiben möge, in unserem Gefühlsleben.

Die sollen doch dankbar sein! Die Griechen zum Beispiel. Zuerst schleusen ihre Eliten zusammen mit den Finanzberatern das Land in die Eurozone ein, dann bereichern sich die Finanzberater und die Eliten am Boom, dann bricht alles zusammen, und „wir“ retten unsere eigenen Banken, die daran verdient haben, und den Euro, an dem unsere Exportindustrie und die mit ihr verbandelten Facharbeiter so gut verdienen. Da sollen die arbeitslosen Griechinnen und Griechen, die nicht mal mehr Sozialhilfe kriegen, uns doch mal dankbar sein für unsere selbstlose Hilfe! Aber nein – alle meckern rum und halten uns für Nazis. Keine Dankbarkeit mehr, heutzutage. Empörend.

Oder die Hartzer. Dürfen am Existenzminimum krebsen. Sinnlose Bewerbung um sinnlose Bewerbung schreiben und Maßnahme um Maßnahme besuchen, an der nur die Träger verdienen. Sonst wird halt das Existenzminimum gesenkt, so ist’s im Leben. Harte Hand, Fordern statt Fördern, haben manche Leute halt nötig, ist nur gut für sie. Das hilft auch den Geringverdienern, indem es ihnen vor Augen führt, was passiert, wenn sie aufmucken. Und dann zeigen die sich doch noch nicht einmal erkenntlich angesichts so viel guten Willens und freundlichem Durchfüttern! Wählen nicht rot-grün! Völlig unverständlich. Kein Anstand, keine Dankbarkeit. Die guten Menschen, die sich um alle sorgen, kriegen einfach keinen Respekt mehr heutzutage. Es ist zum Verzweifeln.

Oder die Ehepartnerinnen. Da bringt man das Geld nach Hause, ackert jeden Tag, und was macht die Hausfrau? Guckt sauer aus der Wäsche. Keine Dankbarkeit. Von den Putzfrauen, Kellnern, Kofferträgern gar nicht zu reden. Kriegen doch Trinkgeld!

Oder diese Flüchtlinge. Da veranstalten unsere Behörden hier doch so eine tolle Willkommenskultur, bevor sie sie wieder abschieben. Wir lassen ja auch die Familien aus Syrien nachziehen (okay, nach zwei Jahren Wartezeit). Und die Zivilgesellschaft erst, eine einzige Kleiderkammer, ein einziger Deutschkurs mit emanzipatorischer Belehrung. Die Leute dürfen bei gemeinnützigen Einrichtungen wie der Manufaktur arbeiten, laut Amt für 1,08€/Stunde (zusätzlich zur Existenzsicherung). Und wenn der Arbeitgeber, wie wir, doch lieber nach Tarif zahlt, kriegt man als Refugee das ausgezahlte Geld dann vier Wochen später wieder abgezogen, wie die anderen sozial Disziplinierten halt auch. Dabei könnte man uns doch mal so richtig dankbar sein!

Im Ernst: Die Dankbarkeitserwartung ist eine besonders verdruckste, moralistische, psychologisch kaputte und insofern auch schwäbische Form der politischen Disziplinierung. Wer in solchen Zusammenhängen ständig Dankbarkeit erwartet, geht davon aus, dass die Welt so funktioniert, dass die Guten den Schwachen helfen. Zutiefst protestantisch und kaputt: Wobei die Schwachen doch bitte auch schwach bleiben, nicht zu selbständig werden und sich nach den Vorstellungen der Guten richten sollen. Und deren höheren Status nicht hinterfragen. Und nicht auf allgemeine Menschenrechte, eigene Bedürfnissen und Pläne oder so einen Quatsch pochen, dafür haben wir nun wirklich keine Zeit, bei der ganzen Hilfe, die wir hier dauernd leisten.

Einen schönen März wünscht
Die Manufaktur