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Zum Geleit



Liebe Freundinnen und Freunde der Manufaktur,

also, wir geben es ja zu: Wir meckern immer wieder gerne über die Grünen. Und das, obwohl die Manufaktur auch irgendwie mit dem grünen Milieu verbandelt ist. Historisch und gegenwärtig. Vielleicht macht einen die Nähe auch so kritisch. Der Narzissmus der kleinen Differenz, wie das bei Freud heißt, oder so. Jedenfalls meckern wir gerne über die Grünen, obwohl manche von uns selbst welche sind („Wir haben nichts gegen Grüne! Einige unserer besten Freunde sind Grüne!“ – das sagt ja schon viel). Über was wir meckern? Verbürgerlichte Sell-Outs und so. Rot-grüner Sozialabbau. Mittelschichts-Wohlfühl-Klassenpolitik. Billiger Moralismus. Fragwürdig betuliche Geschmacksentscheidungen. Hundertwasser-Gutfinden. Kretschmann. Es gibt wirklich viele gute Gründe zum Meckern. (Wir wissen gar nicht, ob die Sleaford Mods unsere Grünen kennen. Aber wenn man sich mal vergegenwärtigt, wie die gegen die neoliberalen Labour-Leute in England ausgeteilt haben, wollen wir uns gar nicht erst ausmalen, was sie zu den hiesigen Grünen sagen würden. Oder, naja, doch, wir malen es uns schon ganz gerne aus).

Aber jetzt müssen wir zugeben: Mit unserer stilisierten Geringschätzung gegenüber den Grünen sind wir zunehmend in unangenehmer Gesellschaft. Gut, dass die Rechten, ob sie nun als Populisten geschmäht werden oder nicht, auf alles eindreschen, was irgendwie links ist, das ist nicht neu. Aber das, was sich da in den letzten Wochen „nach Köln“ abgespielt hat, das hatte schon eine neue Qualität. Die Bild-Zeitung vorneweg, oder auch der Social-Media-Volkszorn, oder die AfD, oder wer auch immer. Völlig zurecht fragte Simone Peter von den Grünen mal nach, ob das eigentlich rechtlich und ethisch in Ordnung ist, das Festsetzen von tausend Leuten, die vielleicht irgendwie Straftaten begehen könnten, oder auch nicht, und, implizit, ob das jetzt ein Dammbruch war, der alle Arten von rassistischen Kontrollen rechtfertigt. Weite Teile des Landes entdeckten aber gerade wieder ihren Spaß daran, auf Feindbilder einzuprügeln. Und kamen sich richtig geil und befreit vor, dauernd „Nafri, Nafri, Nafri“ zu sagen. That’ll show’em. Man musste sich ja so viele Wörter abgewöhnen in den letzten Jahren. Da war die Grünen-Chefin dann eine fiese Spaßbremse, und die BILD musste zurückschießen: „Dumm, dümmer, GRÜFRI (Grün-fundamentalistisch-realitätsfremde-Intensivschwätzerin)“. So, und wenn man das alles so mitkriegt, ist es an der Zeit, über den eigenen Schatten zu springen und sich mit den Grünen zu solidarisieren. Wobei es dabei letztlich natürlich nicht um die Grünen geht, sondern darum, wie hier wieder Rassismus normalisiert wird. Darum, dass das Rassismusproblem bei der Polizei aus der Welt geredet wird. Darum, dass das Leben für sehr, sehr viele Leute hierzulande, die nicht so richtig „weiß und deutsch“ aussehen, nochmal unangenehmer wird. Darum, dass die Stimmung kippt – in eine seltsam nostalgische Richtung: Schön war’s, als „wir“, die „richtigen“ Deutschen, auf niemanden Rücksicht nehmen mussten.

Wir wollten also schon aufhören, über die Grünen zu meckern. Weil wir das, was eine prominente Grüne da machte, ganz gut fanden. Und dann? Naja, dann kamen Özdemir und Palmer und diese Leute, halt so Grüne. Und fielen ihrer Kollegin in den Rücken. Sich bloß nicht gegen den Volkszorn stellen!

Puh! Welch eine Beruhigung. Alles wieder, wie es war. Und wir können weiter über die Grünen meckern. Tolle Sache.

Leicht verzweifelt

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